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KGS Hamburg Magazin Artikel (Mai 2013)

Ein­mal Him­mel und zu­rück

Die ame­ri­ka­ni­sche Ärz­tin Ma­ry C. Ne­al ist ei­ne äußerst er­fah­re­ne Ka­jak­fah­re­rin. Den­noch pas­siert bei ei­ner Fahrt auf dem Fluss Fuy in Süd­chi­le die Ka­ta­s­tro­phe: Sie ver­un­glückt mit ih­rem Boot, wird un­ter Was­ser ein­ge­klemmt und kann sich nicht be­frei­en. Als sie end­lich ge­ret­tet wer­den kann, ist sie kli­nisch tot. In ih­rem Buch „Ein­mal Him­mel und zu­rück“ schil­dert Ma­ry Ne­al, wie sie zu kei­nem Zeit­punkt des Un­falls To­des­angst hat­te, son­dern sich in der Lie­be Got­tes auf­ge­ho­ben fühl­te. Und sie er­zählt, wie die­se Er­fah­rung ihr Le­ben von Grund auf ver­än­dert hat. Die Au­to­rin war als Re­fe­ren­tin zu Gast beim 8. In­ter­na­tio­na­len En­gel­kon­gress im Mai 2013.

Vie­le Stun­den dach­te ich dar­über nach, was Gott von mir er­war­te­te. Selbst vor mei­nem Un­fall im Wild­was­ser hat­te ich nie wirk­lich an den Zu­fall oder glück­li­chen Um­stand als sol­chen ge­glaubt. Ich war und bin fest da­von über­zeugt, dass Gott die meis­ten Ge­scheh­nis­se lenkt und dass sie Teil ei­nes um­fas­sen­den Pla­nes sind. Wäh­rend ich al­so im Kran­ken­haus­bett mit der Fra­ge lag, wel­chen Zweck mein Miss­ge­schick hat­te, fand ich mich plötz­lich auf ei­nem Fel­sen in­mit­ten ei­nes großen, son­nenüber­flu­te­ten Fel­des wie­der.

Ich sprach mit ei­nem En­gel, der auf ei­nem Fel­sen mir ge­genüber saß. Ich be­zeich­ne die­ses We­sen als „En­gel“, weiß je­doch nicht, was es ei­gent­lich war: En­gel, Bo­te, Chris­tus oder Lehr­meis­ter. Al­ler­dings weiß ich, dass es von Gott und in Gott war. Im Lau­fe un­se­rer Un­ter­hal­tung stell­te ich dem En­gel Fra­gen und er be­ant­wor­te­te sie. Wir spra­chen dar­über, wie man noch in schreck­li­chen Si­tua­tio­nen stets die Freu­de be­wahrt, und über die ur­al­te Fra­ge: War­um wi­der­fah­ren gu­ten Men­schen schlim­me Din­ge? (...)

En­gel set­zen uns re­gel­mäßig ei­ner Si­tua­ti­on aus – oder trei­ben uns förm­lich in sie hin­ein –, in der wir ge­zwun­gen sind, ei­nen ganz an­de­ren Weg ein­zu­sch­la­gen. Na­tür­lich wer­den wir nicht wirk­lich da­zu ge­zwun­gen, son­dern eher ver­an­lasst, uns der nächs­ten Ga­be­lung zu nähern, wo wir dann be­schließen, nach rechts oder links ab­zu­bie­gen. Je­de die­ser Ent­sch­ei­dun­gen bringt uns wei­ter und es gibt kein Zu­rück, kei­ne Mög­lich­keit, frühe­re Din­ge un­ge­sche­hen oder an­ders zu ma­chen. Je­de Wahl, die wir heu­te tref­fen, be­ein­flusst die Ent­sch­ei­dun­gen, vor de­nen wir mor­gen ste­hen. Der Pla­net Er­de und die Men­schen, die ihn be­woh­nen, sind tatsäch­lich eng mit­ein­an­der ver­bun­den und kei­ne Ak­ti­on bleibt oh­ne ir­gend­ei­ne Art von Re­ak­ti­on.

Selbst die schlimms­ten Si­tua­tio­nen und Er­eig­nis­se kön­nen in In­di­vi­du­en und/oder Ge­sell­schaf­ten große Ver­än­de­run­gen be­wir­ken. Wä­ren wir nicht Zeu­gen der Grau­sam­keit, könn­ten wir kein Mit­leid emp­fin­den. Oh­ne große per­sön­li­che Her­aus­for­de­run­gen wä­ren wir we­der zur Ge­duld noch zur Treue fähig. Ge­ra­de die Er­kennt­nis, dass un­se­re ir­di­schen Pro­b­le­me im Hin­blick auf das ewi­ge Le­ben kaum ins Ge­wicht fal­len, er­mög­licht es uns, auch in­mit­ten der Trau­er und Sor­ge die Freu­de zu er­fah­ren. Hand aufs Herz: Ha­ben Sie sich je we­sent­lich ver­än­dert oder wei­ter­ent­wi­ckelt in ei­ner Pha­se des Be­ha­gens oder der Selbst­zu­frie­den­heit? Die Ein­sicht, dass der Wan­del nur sel­ten oh­ne Schwie­rig­kei­ten und Mühen ein­tritt, kann ei­nen Men­schen der­art be­frei­en, dass er an al­lem Freu­de fin­det. Außer­dem ver­hilft sie uns da­zu, je­den Tag mit ei­nem von Dank er­füll­ten Her­zen zu ver­brin­gen und „dank­bar in al­len Din­gen“ zu sein.

Was auch im­mer ge­sche­hen mag – wir kön­nen uns glück­lich schät­zen, dass Gott sein Ver­sp­re­chen hält, dass uns das ewi­ge Le­ben si­cher ist. (...)

Wäh­rend der En­gel auf dem Fel­sen mir ge­genüber sei­ne Er­klä­run­gen fort­setz­te und ge­dul­dig mei­ne Fra­gen be­ant­wor­te­te, kam mir ei­ne ein­leuch­ten­de Ana­lo­gie zu un­se­rem in­di­vi­du­el­len Le­ben in den Sinn: Wir al­le sind Fä­den, aus de­nen ein rie­si­ger und wun­der­ba­rer Go­be­lin ge­wo­ben wird. Als In­di­vi­du­en ver­brin­gen wir das Le­ben da­mit, uns um den ei­ge­nen Fa­den zu sor­gen – wel­che Far­be er hat, wie lang er ist –, und ge­ra­ten in Wut, wenn er aus­franst oder reißt. Der gan­ze Go­be­lin aber ist so groß, dass wir ihn gar nicht über­b­li­cken kön­nen, und sein Mus­ter der­art kom­plex, dass uns die Be­deu­tung un­se­res ein­zel­nen Fa­dens ver­bor­gen bleibt. Den­noch wä­re der Go­be­lin oh­ne un­se­ren in­di­vi­du­el­len Bei­trag schad­haft und un­voll­s­tän­dig. Da­her soll­ten wir die­sen Bei­trag an­er­ken­nen und uns dar­an er­freu­en. Un­ser Fa­den – un­ser Le­ben – ist in der Tat wich­tig. Un­se­re Hand­lun­gen und un­se­re Ent­sch­ei­dun­gen, selbst die schein­bar ge­ring­fügi­gen, ma­chen ei­nen Un­ter­schied.

Ich fin­de es auf­schluss­reich, dass ge­ra­de je­ne Leu­te, die über be­dau­er­li­che Um­s­tän­de oder furcht­ba­re Er­eig­nis­se kla­gen, nur sel­ten un­mit­tel­bar da­mit zu tun ha­ben. Ich konn­te mit Men­schen sp­re­chen, die sich in so­ge­nann­ten „schlim­men, tra­gi­schen oder ver­hee­ren­den“ Si­tua­tio­nen be­fun­den ha­ben, aber trotz­dem dank­bar dafür sind und auch dann nichts an ih­rer La­ge än­dern wür­den, wenn man ih­nen die Mög­lich­keit da­zu gä­be.

Es geht mir um Fol­gen­des: Die Deu­tung, ob ei­ne Sa­che grund­sätz­lich „gut“ oder „schlecht“ ist, hängt al­lein vom ei­ge­nen Stand­punkt ab. Ist es wirk­lich so, dass „gu­ten“ Men­schen „schlim­me“ Din­ge wi­der­fah­ren? Ich ha­be da mei­ne Zwei­fel. Je­sus war ge­wiss ein sehr „gu­ter“ Mensch, und sei­ne Kreu­zi­gung wür­den die meis­ten wohl als „schlimm“ be­zeich­nen. Sei­ne Jün­ger wa­ren am Bo­den zer­s­tört, doch oh­ne die­ses Er­eig­nis hät­ten sich die Pro­phe­zei­un­gen des Al­ten Tes­ta­ments nicht er­füllt und wä­re kein neu­es Bünd­nis mit Gott ge­sch­los­sen wor­den. Aus die­ser Per­spek­ti­ve fällt es schwer, die Kreu­zi­gung Je­su für „schlimm“ zu er­klä­ren. Tatsäch­lich bil­det sie den Kern der „fro­hen Bot­schaft“, die Chris­ten auf der gan­zen Welt fei­ern.

Selbst wenn wir ent­täuscht sind, weil wir ei­ne Si­tua­ti­on oder Be­ge­ben­heit nicht be­grei­fen kön­nen, gibt es un­sicht­ba­re En­gel, die, von Got­tes Weis­heit ge­führt, uns Bei­stand leis­ten und Trost spen­den. Un­se­re ein­zig wah­re ver­nünf­ti­ge Op­ti­on be­steht dar­in, auf das Wort und die Ver­sp­re­chen Got­tes zu bau­en.

(Ab­druck mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Al­le­gria Ver­la­ges aus dem Buch Ein­mal Him­mel und zu­rück von Ma­ry C. Ne­al, 2013, geb., 201 Sei­ten, 16,99 Eu­ro.)

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (05/2013)