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INSPIRATION FÜR KÖRPER, GEIST UND SEELE                
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KGS Hamburg Magazin Artikel (November 2015)

Nimm dir Zeit für die Freu­de!

Wir sind pflicht­be­wusst, zu­ver­läs­sig, lern­wil­lig und be­reit, uns und un­se­re Um­ge­bung zu ver­bes­sern. Wir ken­nen Stress und Zeit­druck und manch­mal gibt es da­von noch ei­ne Ex­tra­por­ti­on oben­drauf, denn noch nicht ein­mal un­se­re spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung geht uns schnell ge­nug. Er­lau­ben wir uns Ge­las­sen­heit, Mo­men­te ent­spann­ten Lächelns und das Ge­fühl, wirk­lich mal Zeit zu ha­ben? Sab­ri­na Fox, En­ge­l­ex­per­tin und Best­sel­ler­au­to­rin, übt sich seit vie­len Jah­ren dar­in, zu sich selbst nach Hau­se zu kom­men. Sie gibt ih­re Ein­sich­ten, Er­kennt­nis­se und ih­re Freu­de dar­an sehr gern an an­de­re Men­schen wei­ter.

Die Freu­de ist bis­wei­len wie ein al­ter Freund, den man schon lan­ge nicht mehr ge­se­hen hat und den man über­ra­schend trifft. Dann geht das Herz vor Freu­de auf. Man er­spürt in sich die­ses schwin­gen­de Ge­fühl von Lie­be und Herz­lich­keit. Man will sich na­he sein und um­armt sich. Fühlt sich wohl und ver­traut da­bei und ge­nießt den Mo­ment, wo al­les an­de­re un­wich­tig wird. Man schaut sich in die Au­gen, lächelt, möch­te Zeit mit­ein­an­der ver­brin­gen - aber man hat sie nicht, denn wir müs­sen ja wo­hin - und dann ver­sp­re­chen wir uns in Kon­takt zu blei­ben und sich bald mal ge­müt­lich zum Spa­zie­ren­ge­hen zu tref­fen. Dann trennt man sich wie­der, winkt sich noch­mal be­dau­ernd zu, weil die Zeit so kurz war - und das war es dann schon wie­der mit der Freu­de.

War­um bleibt die Freu­de nicht? Oder an­ders her­um: War­um kommt sie so sel­ten? Wird sie ver­drängt von Pro­b­le­men, dem täg­li­chen Klein­kram, den Din­gen-die-noch-zu-er­le­di­gen-sind? Gibt es in un­se­rem Le­ben nicht viel, das uns Freu­de bringt? Füh­len wir uns zu be­schäf­tigt und ge­trie­ben, um Platz für die Freu­de zu schaf­fen? Ha­ben wir schlicht­weg kei­ne Zeit für sie?

Lan­ge Jah­re war ich viel zu pflicht­be­wusst, um Freu­de wirk­lich "ernst" zu neh­men. Freu­de war für mich ei­ne durch­t­anz­te Nacht. Ein Flirt, bei dem ich mich be­gehrt fühl­te. Er­folg in mei­nem Be­ruf. Ein Bank­kon­to, end­lich raus aus den Mie­sen. Ein Dan­ke für die hun­der­te von Din­gen, die ich für an­de­re Leu­te tat, um mich nicht um mein ei­ge­nes Le­ben und mei­ne ei­ge­nen Her­aus­for­de­run­gen küm­mern zu müs­sen.

Die Freu­de war da­mals auch klar in der Zu­kunft: Wenn ich den rich­ti­gen Mann, wenn ich die rich­ti­gen Kol­le­gen, wenn ich den rich­ti­gen Chef/Che­fin, wenn ich die rich­ti­ge Le­bens­auf­ga­be fin­de, viel­leicht so­gar die rich­ti­ge Fri­sur, dann bin ich glück­lich und dann kommt die Freu­de.

Und dann - end­lich al­les ge­fun­den - stellt sich her­aus, dass die Freu­de trotz­dem nicht da bleibt. Weil es wie­der an­de­re Din­ge gibt, die uns wie­der in die Zu­kunft füh­ren und die Freu­de auf mor­gen, über­mor­gen oder auf den nächs­ten Ur­laub ver­schie­ben.

Die Freu­de will sich aber nicht mehr ver­schie­ben las­sen - denn wir wis­sen sehr wohl, dass wir oh­ne sie un­ser Le­ben nicht wirk­lich ge­nießen kön­nen.

Freu­de. Die gibt es in laut. Die gibt es in lei­se. Und oft ist Freu­de ein­fach nur die­ses be­ru­hi­gen­de Ge­fühl, dass al­les gut ist in un­se­rem Le­ben. Dass wir gut sind in un­se­rem Le­ben. Dass wir mit al­lem zu­recht­kom­men wer­den und dass wir uns freu­en auf das, was noch kommt.

Das ist gar nicht so ein­fach mit un­se­rer ak­ti­ven lin­ken Ge­hirn­hälf­te. Sie ist der Be­reich, mit dem wir or­ga­ni­sie­ren, klä­ren, no­tie­ren, eva­lu­ie­ren. Sie ist der Be­reich, der ein­ord­net: "Ist das gut für mich?" - "Ge­fällt mir das?" - "Wer­de ich das über­le­ben?" Sie ist der Be­reich, der wie ein Koh­le­kraft­werk brummt. Der häu­fig un­ser gan­zes Le­ben mit Koh­len­staub über­schüt­tet: Das noch nicht er­le­digt! Das noch nicht ge­macht! Die Welt­pro­b­le­me noch nicht gelöst!

Ge­ra­de jetzt mit den Flücht­lin­gen, die aus dem Wunsch nach Si­cher­heit und ei­nem bes­se­ren Le­ben zu uns kom­men, ist un­se­re lin­ke Ge­hirn­hälf­te nicht sel­ten in höchs­ter Alarm­be­reit­schaft: Wie soll das al­les funk­tio­nie­ren? Wie wol­len wir das or­ga­ni­sie­ren? Wie ge­hen wir und die an­de­ren da­mit um? Was sind das für Leu­te, die hier zu uns kom­men? Was wird das für un­se­re Ge­sell­schaft be­deu­ten?

Ir­gend­wo zwi­schen Mit­ge­fühl und Angst hal­ten wir uns al­le zu die­sem The­ma auf. Das ist wie ei­ne Straße, die bei­de Po­le mit­ein­an­der ver­bin­det und auf der wir - je nach Ta­ges­form oder Nach­rich­ten­la­ge - uns näher am Mit­ge­fühl oder an der Angst auf­hal­ten.

Un­se­re See­le hin­ge­gen legt sich nicht mit der Rea­lität an: Wo­her weiß ich, dass so vie­le Men­schen jetzt zu uns kom­men sol­len? Weil sie ge­kom­men sind.

"Das hät­te nicht pas­sie­ren dür­fen", ist ein Aus­spruch, den die See­le nicht kennt. Das ist das Ter­ri­to­ri­um der lin­ken Ge­hirn­hälf­te: nach­zu­den­ken. Im­mer wie­der nach­zu­den­ken: Lö­sun­gen schaf­fen. Über­le­ben si­chern. Dafür zu sor­gen, dass wir nichts ver­ges­sen. Ha­ben wir zum Bei­spiel kein funk­tio­nie­ren­des "Er­in­ne­rungs­sys­tem" an­ge­legt (Ka­len­der, No­ti­zen etc.), dann wird un­ser Ver­stand im­mer wie­der ner­ven und uns in nicht en­den wol­len­den Ge­dan­ken­krei­sen (so­ge­nann­ten Loops) den letz­ten Nerv kos­ten.

Ich lie­be mei­nen Ver­stand und die Großar­tig­keit der lin­ken Ge­hirn­hälf­te, aber ich über­ge­be ihm nicht mein Le­ben. Mein Ver­stand hat - wie mein Com­pu­ter - be­stimm­te Auf­ga­ben zu er­fül­len. Aber er ist un­ge­eig­net - wie ein Com­pu­ter - Freu­de zu emp­fin­den. Das macht die rech­te Ge­hirn­hälf­te. Dort ist der freie Raum, der Platz zum Er­spü­ren, Er­kun­den, zum krea­tiv Sein.

Wenn ich mich beim Me­di­tie­ren ab­wech­selnd in mei­ne Ge­hirn­hälf­ten ein­spü­re, dann er­le­be ich die lin­ke als sum­mend. Die rech­te hin­ge­gen er­spü­re ich als ein wei­tes, of­fe­nes Feld. Und in die­sem wei­ten of­fe­nen Feld hält sich die Freu­de auf.

Freu­de kommt im­mer mit ei­nem Ge­fühl von Frei­heit. Und Frei­heit er­le­ben wir nur, wenn wir be­reit sind, uns ab und zu lächer­lich zu ma­chen.

Wie bit­te?

War das jetzt der Mo­ment, bei dem Sie zu­sam­men­ge­zuckt sind? Ist das der Mo­ment, wo Sie auf­hö­ren wol­len zu le­sen? Ist das jetzt "zu ge­fähr­lich" für die lin­ke Ge­hirn­hälf­te ge­wor­den?

Sich lächer­lich zu ma­chen - das ist ein Mus­kel, der trai­niert wer­den muss. Nur wenn wir be­reit sind, Kon­ven­tio­nen in Fra­ge zu stel­len, ge­le­gent­lich et­was an­ders zu ma­chen, als al­le an­de­ren es tun, erst dann be­gin­nen wir wirk­lich uns selbst zu­zu­hö­ren. Dann erst er­spü­ren wir, was wir uns wün­schen, wenn es nicht mehr in das Ras­ter passt, das al­len an­de­ren ge­fällt. Nur zur Klä­rung: Es geht beim "sich lächer­lich Ma­chen" nicht dar­um Din­ge zu tun, die ge­fähr­lich sind oder die uns kei­nen Spaß ma­chen, son­dern wir ü­ben Mut mit den Din­gen, die uns Freu­de brin­gen und die wir uns bis­her ver­sagt ha­ben. Seit über ei­nem Jahr ge­he ich fast ü­be­r­all bar­fuß (wenn es mir zu kalt ist, zie­he ich Schu­he an und das ist meis­tens erst bei null Grad) und häu­fig hö­re ich: "Das wür­de ich mich nie trau­en."

War­um ei­gent­lich?

Ich bin auch nicht be­geis­tert da­von, für ver­rückt ge­hal­ten zu wer­den, aber wenn wir ab und zu mal bar­fuß ge­hen, dann wer­den wir das über­le­ben. Es wird uns kei­ner den Kopf ab­reißen (mei­ner ist noch dran) und ja, manch­mal schaut je­mand ko­misch. Und? Wo ist das Pro­blem? Wir schau­en sel­ber ge­le­gent­lich ko­misch. Wir wis­sen, wie das geht.

Ich wer­de nicht auf­hö­ren Din­ge zu tun, zu de­nen mich mei­ne See­le ruft. War­um? Weil es im­mer mein Le­ben be­rei­chert. Als ich vor fünf­und­zwan­zig Jah­ren über En­gel schrieb, wa­ren selbst mei­ne Freun­de und mei­ne Fa­mi­lie ent­setzt. Sie be­fürch­te­ten, ich hät­te den Ver­stand ver­lo­ren. Jetzt - ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter - sind sie mei­ne di­ver­sen Er­kun­dun­gen schon ge­wohnt.

Frei­heit und Freu­de lie­gen nicht um­sonst eng bei­ein­an­der. Wenn wir der Be­geis­te­rung fol­gen, dann fol­gen wir der Freu­de. Und dann bleibt sie auch. Wann im­mer wir die Freu­de al­ler­dings im Außen su­chen, ist sie ab­hän­gig. Ab­hän­gig eben von dem, was von außen kommt: Der Ak­zep­tanz der an­de­ren. Dem Lob. Der Wert­schät­zung. Der Zu­stim­mung.

Wie er­le­ben wir die Freu­de im In­ne­ren? In­dem wir erst ein­mal uns selbst als "Zu­hau­se" eta­b­lie­ren. Ich bin in mir zu Hau­se. Im­mer und ü­be­r­all. Egal, wo ich bin, und egal, wo ich hin­ge­he. Je­der von uns hat die­ses "Zu­hau­se" in sich. Wo soll­te es auch sonst sein? Oh­ne mich gibt es kein Ich.

In der Ge­mein­sam­keit mit an­de­ren gilt es zwei Din­ge zu ba­lan­cie­ren: das ei­ge­ne Sein und den In­put von außen. Mein Kör­per ist mei­ne An­ten­ne. Er sen­det nicht nur aus (zum Bei­spiel Wohl­ge­fühl oder Stress, Un­zu­frie­den­heit oder Ge­las­sen­heit), son­dern er empfängt auch. Was ich mit dem ma­che, was ich emp­fan­ge, ist ei­ne wich­ti­ge Ent­sch­ei­dung, die Be­wusst­sein ver­langt. Bin ich wach ge­nug, kann ich das fil­tern und nur das in mich auf­neh­men, was mir gut tut. Bin ich nicht "in mir zu Hau­se", schleu­dert es mich bei je­der Stim­mungs­schwan­kung mei­nes Nach­barn in tie­fe Kel­ler. Das war früher mein Nor­mal­zu­stand. Ich konn­te nicht dif­fe­ren­zie­ren. Mei­ne ei­ge­ne Sta­bi­lität war nicht eta­bliert. Mein ei­ge­nes "Zu­hau­se" nicht oft ge­nug geübt. Mit­ge­fühl be­deu­tet nicht, dass man selbst un­glück­lich ist. Mit­ge­fühl be­deu­tet, dass man sich ein­spü­ren kann, und da­zu muss man sich nicht selbst ver­las­sen.

Na­tür­lich will ich auch wei­ter­hin "außen" er­spü­ren. Na­tür­lich gibt es auch wei­ter­hin In­put. Es ist nicht im­mer ein­fach, mit dem Bom­bar­de­ment von außen zu­recht­zu­kom­men. Doch dafür gibt es Übun­gen: stil­le Zei­ten, krea­ti­ves Er­schaf­fen, Be­we­gung, Ate­mübun­gen, Me­di­ta­tio­nen, Tanz, Ge­sang.

Wann im­mer es Mo­men­te gibt, in de­nen ich wa­cke­le, weiß ich, dass mich mei­ne See­le an mei­ne Haus­auf­ga­be er­in­nert: "Wo ist dein Zu­hau­se?" Dann ho­le ich mich zu mir zu­rück. In die Tie­fe mei­nes Seins. Oft geübt, da­mit ich es dann, wenn ich es brau­che, auch kann.

Wir schaf­fen Platz für un­se­re rech­te Ge­hirn­hälf­te. Wir schaf­fen Raum für die Freu­de. Wenn wir die Freu­de ver­mis­sen, wenn wir mehr Freu­de in un­se­rem Le­ben ha­ben wol­len, wenn wir un­ser Le­ben mehr ge­nießen wol­len, dann gibt es ei­ne Fra­ge, die es zu be­ant­wor­ten gibt: Ge­be ich der Freu­de Zeit?

Denn das ist es, was sie braucht.

Sab­ri­na Fox

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (11/2015)