DIE KUNST DES GESICHTSLESENS
Eric Standop

Lieber Eric, während du dir deine Expertise in der Welt des Gesichtslesen angeeignet hast, bist du auf drei Kontinenten gewesen, hast bei traditionellen Meistern gelernt und bist heute selbst einer der gefragtesten Gesichtsleser weltweit. Wie und wann bist du mit dieser alten Kunst des Gesichtlesens erstmals in Kontakt gekommen?
Das ist inzwischen rund 25 Jahre her. Meine erste wirkliche Erfahrung mit dem Gesichtlesen hatte ich in einer Strandbar in Südafrika. Dort kam ich mit einem älteren Mann ins Gespräch, der auf mich zunächst nicht unbedingt den Eindruck eines Menschen machte, von dem ich eine besondere Form der Menschenkenntnis erwarten würde. Er begann, mein Gesicht zu lesen, und obwohl ich damals sehr skeptisch war, haben mich seine Aussagen so getroffen und gleichzeitig so neugierig gemacht, dass ich wissen wollte: Woher kann man so etwas wissen? Diese Begegnung hat eine Suche ausgelöst, die mich bis heute begleitet. Ich begann, verschiedene Traditionen und Lehrer kennenzulernen – zunächst in Europa, später auch in Kolumbien und schließlich in Hongkong, wo ich mehrere Jahre mit einem Face-Reading-Meister lebte, von ihm lernte und schließlich die Face Reading Academy gründete. So wurde aus einer zunächst überraschenden Begegnung in einer Strandbar eine jahrzehntelange Reise durch unterschiedliche Traditionen des Gesichtlesens.
Gab es in dieser Anfangszeit des Entdeckens ein besonders einschneidendes Erlebnis, das dich von der Lehre überzeugt hat?
Es war weniger ein einzelnes Erlebnis als die Summe vieler Erfahrungen. Immer wieder habe ich erlebt, dass sich bestimmte Themen eines Menschen tatsächlich in seinem Gesicht wiederfinden und sich im Gespräch erstaunlich deutlich bestätigen. Besonders berührt hat mich dabei, dass Menschen durch eine solche Betrachtung manchmal etwas über sich selbst erkennen, was sie zwar gespürt, aber noch nicht in Worte gefasst hatten. Das hat mir gezeigt, dass Facereading weit mehr sein kann als das Erkennen äußerer Merkmale.
Und gab es dabei auch etwas, was du an dir selbst anders oder neu verstanden hast?
Ich habe gelernt, mich selbst mit völlig anderen Augen zu betrachten. Die vielleicht überraschendste Erkenntnis war für mich, dass mein Gesicht nicht einfach das ist, was ich im Spiegel sehe, sondern dass sich darin Spuren meiner Geschichte, meiner Entscheidungen, meiner Denkweisen und meiner Erfahrungen zeigen. Noch erstaunlicher ist, dass sich darin nicht nur das widerspiegelt, was aus mir geworden ist, sondern auch etwas von dem, was bereits in mir angelegt war. Plötzlich konnte ich Zusammenhänge zwischen meinem Gesicht, meinen Talenten, meinen Verhaltensmustern und meinem Lebensweg erkennen, die mir vorher nicht bewusst waren. Das hat meinen Blick auf mich selbst grundlegend verändert: Was, wenn ein Teil dessen, wonach wir im Leben suchen, längst in uns angelegt ist und unser Gesicht uns Hinweise darauf geben kann?
Eine wunderbare Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen. Wie können wir diese wertvollen Informationen von unserem Gesicht erhalten?
Unser Gesicht kann uns einen Spiegel anbieten, der nicht über unsere Worte funktioniert. Es zeigt uns bestimmte Tendenzen, Prägungen und Gewohnheiten, die wir im Alltag häufig gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Dadurch können wir Fragen an uns selbst stellen: Was davon entspricht wirklich meinem Wesen und was habe ich mir im Laufe meines Lebens angewöhnt? Facereading gibt dabei wertvolle Impulse zur Selbsterkenntnis.
Wie können wir diese Erkenntnisse dabei für unsere Entwicklung nutzen?
Indem wir das Erkannte nicht als Urteil, sondern als Einladung zur Veränderung verstehen. Wenn ich beispielsweise erkenne, dass ich bestimmte Situationen immer auf dieselbe Weise bewerte oder auf bestimmte Muster zurückgreife, kann ich beginnen, bewusster damit umzugehen. Selbsterkenntnis wird dann zu Selbstverantwortung. Das Gesicht zeigt uns nicht, wie wir bleiben müssen, sondern kann uns bewusst machen, wo wir gerade stehen.
Also verändert sich unser Gesicht beziehungsweise unsere Physiognomie, wenn wir unser Denken und unsere Muster ändern?
Ja, unser Gesicht ist nicht völlig statisch. Unsere Gewohnheiten, unsere emotionale Haltung und die Art, wie wir mit dem Leben umgehen, können sich über längere Zeit auch körperlich und im Ausdruck niederschlagen. Wer seine inneren Muster verändert, verändert häufig auch seinen Blick, seine Mimik und seine gesamte Ausstrahlung. Das bedeutet nicht, dass sich die Grundform des Gesichts beliebig verändert, aber der Mensch hinter dem Gesicht kann sichtbar ein anderer werden.
Also verändert sich damit auch die Lesbarkeit des Gesichts?
Ja, natürlich verändert sich auch die Lesbarkeit, wenn sich die Physiognomie verändert. Gleichzeitig bleibt ein Mensch mehr als die Summe seiner sichtbaren Merkmale. Bei Veränderungen würde ich deshalb immer stärker auf das Gesamtbild und auf die Dynamik achten und nicht versuchen, aus einem einzelnen Merkmal eine Geschichte abzuleiten. Gerade daran zeigt sich, wie wichtig Erfahrung und ein ganzheitlicher Blick sind.
Kann man auch kulturelle Prägungen der Denkart in einem Gesicht sehen? Ist die Physiognomie beispielsweise bei verschiedenen Kulturen unterschiedlich ausgeprägt?
Kulturelle Prägungen können sicherlich Einfluss darauf haben, wie Menschen schauen, sich ausdrücken, ihre Mimik einsetzen oder mit Nähe und Distanz umgehen. Bei der Physiognomie wäre ich allerdings vorsichtig mit pauschalen Aussagen über ganze Kulturen. Ein Gesicht gehört immer zuerst zu einem individuellen Menschen. Kultur kann ein Kontext sein – sie sollte aber niemals dazu führen, Menschen aufgrund ihres Aussehens in Kategorien einzuteilen.
Wenn du ein Reading gibst, reicht dir ein Foto oder ist das Wahrnehmen von Mimik und Gestik auch ein wichtiger Faktor?
Ein Foto kann bereits sehr viele Informationen liefern, weil bestimmte Merkmale des Gesichts sichtbar werden. Noch umfassender wird die Wahrnehmung jedoch im direkten Kontakt, weil dann auch Mimik, Gestik, Stimme, Haltung und die Veränderung des Ausdrucks hinzukommen. Ein Mensch ist schließlich kein statisches Bild. Gerade die Dynamik zwischen dem, was ein Gesicht zeigt, und dem, was ein Mensch im Moment ausdrückt, kann sehr aufschlussreich sein.
Du hast mal gesagt: „Der Körper reagiert, das Gesicht spricht.“, was genau meinst du damit?
Unser Körper ist ständig in Kommunikation mit unserem inneren Erleben. Gedanken, Gefühle, Stress, Freude, Anspannung und unsere Art, Situationen zu bewerten, wirken auf unseren Körper und zeigen sich unter anderem in Haltung, Ausdruck und Gesicht. Das Gesicht ist deshalb für mich eine Art sichtbare Schnittstelle zwischen Innen und Außen. Es erzählt nicht jedes Detail unserer Geschichte, aber es kann Hinweise darauf geben, wie wir mit dem Leben umgehen.
»Authentizität ist für mich somit weniger ein Zustand als eine Rückbesinnung auf das eigene Wesen und die zunehmende Fähigkeit, sein wahres Selbst auch wirklich zu leben.«
Wie sieht es aus nach all den Jahren? Können dich Menschen noch überraschen?
Absolut, und das sollen sie auch. Facereading ist für mich kein Werkzeug, mit dem ich einen Menschen in eine Schublade stecke. Es geht um Tendenzen und Möglichkeiten, nicht um festgelegte Wahrheiten. Wenn mich ein Mensch nicht mehr überraschen könnte, hätte ich vermutlich aufgehört, wirklich zuzuhören und hinzuschauen. Nichts ist spannender als ein Gesicht, immer wieder neu.
Kannst du die Fähigkeit auch ruhen lassen oder arbeitet sie im Hintergrund immer mit?
Natürlich kann ich bewusst aufhören, zu analysieren. Aber wenn man über viele Jahre gelernt hat, Gesichter differenziert wahrzunehmen, verändert sich die eigene Wahrnehmung dauerhaft. Ähnlich wie ein Musiker bestimmte Töne hört, die anderen nicht auffallen, nimmt man bestimmte Zusammenhänge irgendwann automatisch wahr. Ich kann entscheiden, ob ich daraus eine bewusste Analyse mache. Offen gesagt: Ich schalte meine Wahrnehmung häufiger ab als an. So vermeide ich auch Reizüberflutungen.
Würdest du sagen, dass sich deine allgemeine Intuition durch die erhöhte Achtsamkeit des Facereadings verändert hat?
Ja, meine Wahrnehmung ist sicherlich feiner geworden. Wenn man über lange Zeit sehr bewusst beobachtet, entwickelt man ein stärkeres Gespür für kleine Veränderungen und Zusammenhänge. Gleichzeitig hat mich das Facereading auch gelehrt, meiner ersten Intuition nicht blind zu vertrauen. Eine gute Wahrnehmung braucht für mich immer die Verbindung von Intuition, Beobachtung und Überprüfung.
Das ist sicher ein sehr gesunder Umgang. Wie kommt es eigentlich, dass diese Technik in verschiedenen asiatischen Kulturen zu finden ist, aber in Europa keine Tradition hat?
Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Tradition des Gesichtslesens in den asiatischen Ländern erhalten wurde, da sie teilweise in medizinische, philosophische und spirituelle Weltbilder eingebettet ist. In Europa hat sich dagegen zunehmend eine wissenschaftliche Haltung durchgesetzt, die Physiognomik stark mit problematischen Versuchen verbunden hat, Menschen allein aufgrund äußerer Merkmale zu klassifizieren. Dadurch ist vieles verloren gegangen oder in Verruf geraten. Ich finde es deshalb wichtig, alte Traditionen heute kritisch, verantwortungsvoll und ohne vorschnelle Versprechen neu zu betrachten.
Ein wirklich schöner und wichtiger Ansatz. Wie wichtig ist Authentizität dabei und was bedeutet das für dich?
Authentizität bedeutet für mich das Zusammenspiel zwischen dem Wesenskern, den wir mit auf die Welt bringen, und dem Charakter, der sich im Laufe unseres Lebens durch Erziehung, Sozialisation und unsere Erfahrungen entwickelt. In diesem Wesenskern liegen bereits viele unserer Anlagen, Talente, besonderen Wahrnehmungen und Potenziale, vielleicht sogar eine Art innere Richtung oder ein Plan für unser Leben. Durch die Sozialisation entwickeln wir dann Denkweisen, Rollen und Verhaltensmuster, die uns zwar geprägt haben, aber nicht zwangsläufig unserem ursprünglichen Wesen entsprechen. Authentisch zu werden bedeutet für mich deshalb, diesen entwickelten Charakter nicht abzulehnen, sondern ihn zunehmend mit dem eigenen Wesenskern in Verbindung zu bringen und dorthin zurückzufinden, wer wir ursprünglich waren. Es ist ein Weg, auf dem wir erkennen, welche Fähigkeiten wir uns lediglich angeeignet haben und welche Talente und Qualitäten tatsächlich aus uns selbst heraus entstehen. Authentizität ist für mich somit weniger ein Zustand als eine Rückbesinnung auf das eigene Wesen und die zunehmende Fähigkeit, sein wahres Selbst auch wirklich zu leben.
Wie kann uns Facereading in diesem Aspekt unterstützen?
Facereading kann sichtbar machen, welche Eigenschaften und Muster uns prägen. Dadurch entsteht die Möglichkeit, zwischen dem, was wirklich zu uns gehört, und dem, was wir vielleicht aus Anpassung übernommen haben, zu unterscheiden. Das kann ein sehr wertvoller Schritt in Richtung Authentizität sein. Denn erst wenn ich mich selbst erkenne, kann ich bewusst entscheiden, wie ich leben möchte.
Für wie wichtig hältst du das authentische Sein für unser Werden und die Gesellschaft?
Ich halte es für grundlegend. Menschen, die sich selbst kennen und nicht ständig versuchen müssen, eine Rolle zu erfüllen, können klarer, verantwortungsvoller und freier handeln. Authentizität bedeutet dabei nicht Egoismus, sondern im Gegenteil: Je weniger ich mich selbst verleugnen muss, desto weniger muss ich auch andere manipulieren oder von ihnen etwas bekommen. Eine Gesellschaft aus Menschen, die zunehmend bei sich selbst ankommen, wäre aus meiner Sicht eine freiere und menschlichere Gesellschaft.
Ist Facereading vor allem für Therapeuten und Coaches interessant oder auch für „normale“ Menschen?
Ich halte Facereading grundsätzlich für Menschen interessant, die sich selbst und andere besser verstehen möchten. Für Therapeuten, Coaches oder andere Menschen, die professionell mit Menschen arbeiten, kann es eine zusätzliche Beobachtungsperspektive sein. Auch in Partnerschaften kann es helfen, Unterschiede besser wahrzunehmen und weniger schnell persönlich zu nehmen. Der entscheidende Punkt ist immer, dass wir das Gegenüber nicht beurteilen, sondern besser verstehen wollen.
Braucht man dafür nicht besondere Gaben oder Talente oder kann es wirklich jeder erlernen?
Ich glaube nicht, dass man dafür eine besondere übersinnliche Gabe braucht. Wichtig sind vor allem Beobachtungsgabe, Geduld, Offenheit und die Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung immer wieder zu hinterfragen. Natürlich hat jeder Mensch unterschiedliche natürliche Begabungen, aber Wahrnehmung und Interpretation lassen sich trainieren. Entscheidend ist für mich weniger, wie schnell jemand etwas erkennt, sondern wie verantwortungsvoll er mit dem Erkannten umgeht.
Was würdest du sagen, ist das größte Geschenk, das uns das Facereading machen kann?
Das größte Geschenk ist für mich, uns selbst wirklich zu sehen – und zwar jenseits von Selbstbildern, Rollen und Bewertungen. Unser Gesicht kann uns daran erinnern, wer wir geworden sind, welche Erfahrungen uns geprägt haben und welches Potenzial vielleicht noch in uns steckt. Wenn wir uns selbst erkennen, müssen wir nicht mehr so viel gegen uns arbeiten. Dann entsteht die Möglichkeit, bewusster zu wählen, wer wir sein und wie wir leben möchten. Letztlich geht es beim Facereading deshalb nicht darum, das Gesicht eines Menschen zu lesen, sondern den Menschen dahinter besser zu verstehen und auch sich selbst mehr anzunehmen.
LIVE ERLEBEN
Erlebnisabend am 13. November & Workshop am 14. November 2026 in Hamburg: An diesem Wochenende tauchen wir gemeinsam ein in die Welt des Face Readings. Mit viel Humor, authentischen Geschichten und eindrucksvollen Erfahrungen aus seinem eigenen Wirken nimmt uns der weltweit anerkannte Gesichtleser und Experte Eric Standop mit auf eine spannende Reise. Anhand anschaulicher Beispiele und spannender Erkenntnisse wird uns Eric zeigen, wie wir uns selbst besser verstehen und mehr Orientierung für unseren persönlichen Weg gewinnen können. Wir entdecken, welche Stärken uns prägen, was uns Energie gibt und wie wir Entscheidungen treffen können, die wirklich zu uns passen.


