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KGS Hamburg Magazin Artikel (Oktober 2014)

Jun­ge Frau, wei­se Frau – und da­zwi­schen?

Man­che Frau­en er­fah­ren sie als ein­schnei­den­de Ver­än­de­rung und ei­ne schwie­ri­ge Zeit, an­de­re neh­men sie kaum wahr: die Wech­sel­jah­re. Sab­ri­na Fox, er­folg­rei­che Buch­au­to­rin und En­ge­l­ex­per­tin, er­lebt die­se Pha­se ih­res Le­bens als ei­ne dra­ma­ti­sche, um­wäl­zen­de, ver­wir­ren­de Zeit. In ih­rem neu­en Buch „Flie­gen­der Wech­sel“ schreibt sie über ih­re per­sön­li­chen Er­fah­run­gen.

Im Ta­ges­se­mi­nar An­fang No­vem­ber in Ham­burg geht sie auf vie­le Fra­gen ein, die sich Frau­en in den Wech­sel­jah­ren stel­len: War­um er­ken­ne ich mich nicht wie­der? Was sagt mir mein Kör­per? Selbst­lie­be trotz Fal­ten?


Ich ha­be in Los An­ge­les ei­ni­ge Freun­din­nen, die um ei­ni­ges äl­ter sind als ich. Ich fra­ge sie nach der Zeit nach den Wech­sel­jah­ren. Gab es da eben­falls ein Loch, in das sie ge­fal­len wa­ren? Am An­fang je­des Ge­sprächs wird das eher ver­n­eint – aber spä­ter wird sich er­in­nert. Das hat mich be­ru­higt. Of­fen­sicht­lich bleibt die­se Pha­se nicht so sehr im Ge­dächt­nis.

Ich bin auch in­ter­es­siert dar­an, ob mei­ne Theo­rie, dass die Le­bens­the­men zur Wech­sel­jahr­zeit noch mal en­er­gisch hoch­kom­men, rich­tig ist.

Mei­ne Freun­din Sal­ly ist mitt­ler­wei­le fast sieb­zig Jah­re alt. Sie war ei­ne ak­ti­ve Frau, ei­ne Ko­ry­phäe auf ih­rem Ar­beits­ge­biet. Sie war lan­ge – zu lan­ge – mit ei­nem Mann ver­hei­ra­tet, der es nicht er­tra­gen konn­te, dass sie so be­liebt und er­folg­reich war. Wir Freun­din­nen ha­ben das über all die Jah­re mit Sor­ge be­trach­tet – aber sie woll­te es nicht än­dern. Ich kann die vie­len Ge­spräche dar­über gar nicht zäh­len. Ich ha­be schmerz­haft ler­nen müs­sen, dass man dem an­de­ren nur das wün­schen kann, was er sich selbst wünscht. Und wenn je­mand sei­ne Le­bens­si­tua­ti­on nicht än­dern möch­te, dann gibt es nichts, was man als Freun­din tun kann. Erst als sie sehr krank wur­de und er­kann­te, dass es ihr nicht bes­ser ge­hen wird, wenn sie die­se Si­tua­ti­on nicht löst, hat sie sich zu dem Schritt der Tren­nung ent­sch­los­sen.

Was sie in die­ser Ehe ge­hal­ten hat­te, wa­ren auch fi­n­an­zi­el­le Be­den­ken. Sie hat­te früher sehr gut ver­dient, als sie je­doch krän­ker wur­de, wur­den die Ein­nah­men ge­rin­ger, und sie war auf ih­ren Mann an­ge­wie­sen. Sie ist im­mer noch nicht völ­lig auf dem Damm, als wir uns tref­fen. Sie ist schwach. Sie geht we­nig aus dem Haus, und nur ihr Lächeln ist das glei­che wie früher.

Wir fünf Freun­din­nen sit­zen bei ihr im Wohn­zim­mer. Ich bin die Jüngs­te, und so fra­ge ich sie nach ih­ren Le­bens­the­men und ob sie in den Wech­sel­jah­ren noch mal ex­trem hoch­ge­kom­men sind.

Sal­ly seufzt. „Weißt du, ich ha­be so ei­ne Le­bens­trau­rig­keit be­kom­men. Und ich weiß auch, wes­we­gen.“ Sie wird still und schaut aus dem Fens­ter. „Ich ha­be mich in mei­ner Ehe von mei­nem Mann klein­ma­chen las­sen, bis ich al­len Mut ver­lo­ren hat­te. Ich trau­te mich kaum noch aus dem Haus. Ich ha­be früher mit großer Freu­de Vor­trä­ge vor Hun­der­ten von Men­schen ge­hal­ten, und jetzt, wenn ich zum Ein­kau­fen ge­he, be­kom­me ich aus Angst kei­ne Luft mehr.“

Ich bin wie er­starrt. Mein Liebs­ter macht mich nicht klein, und das war es auch nicht, was mich so auf­hor­chen ließ. Son­dern sie hat­te sich nach den Wech­sel­jah­ren zu­rück­ge­zo­gen. Ge­nau wie ich. Wä­re das mein wei­te­rer Weg ge­we­sen? Se­he ich an Sal­ly, was ich mir auch hät­te aus­wäh­len kön­nen?

Was pas­siert, wenn man in den Wech­sel­jah­ren re­si­gniert? Wenn man sich ein­re­det, dass es das jetzt eben war? Wenn man nichts tut? Nichts mehr macht? Schlapp ge­nug ist man so­wie­so. Es ist ein­fach. Fast wie er­trin­ken aus Er­schöp­fung. Dies hier ist nicht das En­de un­se­res Le­bens – selbst wenn es sich so an­fühlt. Wir kön­nen uns an­ders ent­sch­ei­den. Ein­fach ist das nicht. Aber es geht. Im Ge­gen­satz zu un­se­ren Großmüt­tern ha­ben wir Al­ter­na­ti­ven.

Wenn wir es wol­len.

Ich weiß, dass Sal­ly wie­der nach draußen ge­hen und ih­re Ar­beit wie­der­auf­neh­men möch­te. Aber sie ist noch nicht ge­sund ge­nug. Ihr Kör­per braucht noch al­le Auf­merk­sam­keit. Auf­merk­sam­keit, die sie ihm in der meis­ten Zeit ih­res Le­bens ent­zo­gen hat­te.

Wir ko­chen, und als ich den Fisch in die heiße Pfan­ne le­ge, ha­be ich ver­ges­sen, ihn vor­her ab­zu­t­rock­nen. Das sprit­zen­de Fett ver­brennt mei­ne Hand. Mein En­er­gie­feld ist of­fen­sicht­lich im­mer noch er­ra­tisch. Die En­den sind im­mer noch aus­ge­franst. Ich hal­te mei­ne Hand un­ter das fließen­de kal­te Was­ser. Wie in­ter­es­sant, dass man an den Ver­let­zun­gen er­ken­nen kann, wie sta­bil man ist.

Ich tref­fe ei­ne lang­jäh­ri­ge Be­kann­te auf ei­ner Hoch­zeit. Wir sp­re­chen über Le­bens­the­men. Sie ist ei­ne ge­bil­de­te, selbst­si­che­re Ga­le­ris­tin, die ei­nen berühm­ten Bild­hau­er ver­tritt. Seit Jah­ren schon or­ga­ni­siert sie welt­weit Aus­s­tel­lun­gen. Wir set­zen uns in ei­ne ru­hi­ge Ecke, und sie er­zählt mir, was mit ihr in die­sem Hor­mon­loch ge­schah. „Ich konn­te von heu­te auf mor­gen nicht mehr aus dem Haus ge­hen. Ich war wie er­starrt. Ich fürch­te­te mich vor der Welt. Das war tief kör­per­lich. Wenn ich ans Te­le­fon muss­te, hat­te ich Schweißaus­brüche. Ich dach­te, ich dre­he durch. Ich war hoch­de­pres­siv. Das hat zwei Mo­na­te ge­dau­ert und wur­de dann lang­sam bes­ser.“

Ich kann mir das bei ihr gar nicht vor­s­tel­len.

Sie lächelt schmerz­lich. „Ich fühl­te mich wie ein Au­to mit ei­nem sto­cken­den Mo­tor.“

Ihr Le­bens­the­ma? Sie wünsch­te sich mehr Ru­he, aber fühl­te sich be­ruf­lich ge­zwun­gen, im­mer ak­tiv nach außen zu ge­hen. Als sie das er­kannt hat­te, ver­än­der­te sie ei­ni­ges in ih­rem Le­ben. Un­ter an­de­rem hol­te sie sich ei­ne As­sis­ten­tin, die ge­nau das lieb­te und dann auch die­sen Be­reich über­nahm.

Ei­ne Be­kann­te setzt sich da­zu. Sie ist zehn Jah­re äl­ter, und ich ha­be sie seit zwan­zig Jah­ren nicht mehr ge­se­hen. Sie wirkt ent­spannt und glück­lich. Als sie von un­se­rem Ge­sprächs­the­ma hört, er­zählt sie uns, wo sie die letz­ten Jah­re war.

„Ich bin von der Stadt in die Ein­sam­keit ge­zo­gen. Ich hat­te al­les ver­kauft und leb­te in ei­ner 25 Qua­drat­me­ter großen Hüt­te im Wald. Weit weg von je­der Zi­vi­li­sa­ti­on. Ich fühl­te mich schon als Kind im Wald im­mer am wohls­ten, und da­hin bin ich ge­flüch­tet. Ich konn­te Men­schen nicht mehr er­tra­gen. Zehn Jah­re ha­be ich dort ge­lebt. Mein Le­bens­the­ma war, dass ich mich nicht si­cher fühl­te. Jetzt erst kom­me ich aus mei­nem Wald her­aus. Ich füh­le mich viel bes­ser und bin auch wie­der neu­gie­rig auf Men­schen. Die­se lan­gen Jah­re in der Na­tur ha­ben mir ein Ver­trau­en in mein Le­ben und in mei­ne Si­cher­heit zu­rück­ge­ge­ben.“

„Es gibt nicht vie­le, die sich im Wald si­cher füh­len wür­den.“

„Ja, das stimmt. Aber ich bin als klei­nes Kind im­mer schon in den Wald ge­flüch­tet, wenn es bei mir zu Hau­se zu an­stren­gend war, und des­halb füh­le ich mich un­ter den großen Bäu­men, den Tie­ren und den Wald­geis­tern zu Hau­se. Jetzt freue ich mich, dass ich auf ei­nem Fest bin und tan­zen kann und mit euch zu­sam­men­sit­ze. Üb­ri­gens su­che ich hier in der Ge­gend ei­ne Woh­nung. Falls ihr was hört, lasst es mich wis­sen.“

Ich be­su­che ei­ne an­de­re Freun­din am Meer. „Ich war 52 Jah­re, und al­le mei­ne Le­bens­the­men ka­men hoch. Wirk­lich al­les: Dafür zu sor­gen, dass es mir gut­geht, das war im­mer noch nicht be­ar­bei­tet. Das gan­ze Fi­nanz­the­ma war noch nicht an­nähernd ge­heilt. Ver­trau­en war auch noch so ein The­ma. Ich fiel die Trep­pe her­un­ter, ver­letz­te mich und zog an­schließend noch ei­nen Vi­rus an, so­dass ich über­haupt nichts mehr ma­chen konn­te. Ich muss­te al­les ab­sa­gen, was mir bei mei­nem Pflicht­be­wusst­sein wirk­lich schwer­fiel, aber ich hat­te kei­ne an­de­re Wahl. Ich konn­te nur noch schla­fen und nach­den­ken. Die­ser ex­t­re­me Zu­stand der völ­li­gen Er­schöp­fung dau­er­te über ein Vier­tel­jahr, und dann ging es mir lang­sam bes­ser. Na­tür­lich auch nur, weil ich end­lich auch ein­ge­se­hen hat­te, dass ich drin­gend ei­ni­ges in mei­nem Le­ben ver­än­dern muss.“

Wahr­schein­lich sind wir in dem Al­ter ge­schwächt ge­nug, dass die­se Le­bens­the­men oh­ne große Ab­wehr in un­ser Be­wusst­sein kom­men kön­nen. Es bleibt uns gar nichts an­de­res üb­rig, als sie an­zu­schau­en. Na­tür­lich sind wir auch wei­ser ge­wor­den. Aber das ist nicht al­les. Wir sind auch wei­cher ge­wor­den. Und in die­ser Weich­heit er­lau­ben wir uns die­ses An­er­ken­nen.

Schön ei­gent­lich.

Wenn es nicht so schmerz­haft wä­re …



(Ab­druck mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Al­le­gria Ver­la­ges aus dem Buch Kein flie­gen­der Wech­sel von Sab­ri­na Fox, br., 272 Sei­ten, 26,99 Eu­ro)

 

Quelle: KGS Hamburg Magazin (10/2014)