MEINE ERLEUCHTUNG UND ICH
Christian Meyer

Ich vergesse oft, wie alt ich bin. Mein Alter fühlt sich ganz unterschiedlich an. Manchmal fühle ich mich sehr alt, dann wieder fühlt es sich an, als ob die Jugend nie aufhören würde, und ich freue mich wie ein kleines Kind, und manchmal bin ich auch der ernstzunehmende Erwachsene. Es gibt keine Schublade mehr, in die man hineinpassen könnte.
Weil ich kein Gefühl für mein Alter habe, vergesse ich öfter, wie lange bestimmte Erfahrungen zurückliegen, etwa die Zeit der 1970er-Jahre, als Hunderttausende nach Indien reisten, um Erleuchtung zu finden. Ich habe in der Zeit an der Universität in Hamburg Psychologie studiert. Das Buch „Der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst“ wurde gelesen. Dieses Buch habe ich vor Kurzem mal wieder angeschaut, und ich war ganz fasziniert, mit welchem Enthusiasmus damals über Erleuchtung geschrieben wurde und wie wenig man damals wusste. Aber ein Satz war großartig: „Vor allem Liebe. Liebe über jeden Verstand und jede Vernunft hinaus.“ Ich lernte humanistische Psychologie und verschiedene Psychotherapie-Methoden, es war eine Zeit der „Integration“, ganzheitlich zu heilen, und das hieß zunächst: mit dem Geist, der Seele und dem Körper zu arbeiten und deswegen die verschiedenen Methoden und Werkzeuge zu lernen.
Psychotherapie hieß oft auch, Erleuchtung zu suchen
Mich hat es nicht nach Indien gezogen. Aber als ich mein Studium beendet hatte und es darum ging, eine Psychotherapieausbildung zu machen, habe ich jemanden gesucht, der versprach, nicht nur Psychologie zu lehren, sondern auch Erleuchtung zu vermitteln. Ich war fasziniert von der Gestalttherapie: Sie versprach und ermöglichte echte Lebendigkeit, ein authentisches Sein im Hier und Jetzt und Psychotherapie als Wachstum – nicht nur durch das Sprechen, sondern auch mit dem Körper. Und Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, schrieb sinngemäß: „Ich habe eine Methode entwickelt, mit der der Mensch Erleuchtung finden kann.“
So wuchs ich in eine Szene hinein, in der Therapie, Wachstum und Erleuchtung zusammengehörten. Ich war begeistert, was ich alles lernen konnte. Therapeutische Arbeit, Selbsterfahrung, Wachstum – eben nicht nur durch das Reden, sondern durch die Arbeit mit dem, was im Körper feststeckt und gelöst werden konnte. Mit Tönen, mit Bewegung, mit unmittelbarem, spontanem Ausdruck.
Und dann traf ich 1998 Eli Jaxon-Bear. Er kam nach Berlin, wo ich schon etliche Jahre lebte, und zum ersten Mal traf ich einen erleuchteten Menschen. Ich hatte schon alles Nötige über das Ich, das Ende des Ichs bzw. des Egos, über falsche Bedürfnisse, über echte Lebendigkeit gelernt. Ich ging damals, geprägt von der indischen Spiritualität, davon aus, dass Erleuchtung erst nach vielen weiteren Inkarnationen, also Wiedergeburten und Lebenszeiten, erreichbar sei. Und jetzt traf es mich wirklich ganz fundamental: Erleuchtung ist in diesem Leben möglich, hier und jetzt. Erleuchtung in diesem Leben, das war die Botschaft, die mich regelrecht elektrisierte. Ich hatte nicht den Hauch eines Zweifels: Ich musste Elis nächstes Retreat in Italien besuchen, sechs Wochen später. Es war mir völlig klar: Erleuchtung war das Einzige, das mir wichtig schien, wichtiger als alles andere.
Aufhören zu rauchen für die Erleuchtung?
Damals rauchte ich noch. Mir war klar, dass Rauchen Gefühle überdecken sollte, bedeutete also ein Weggehen von meiner inneren Wahrheit. Ich fragte mich: Musste ich erst aufhören zu rauchen, um Erleuchtung erfahren zu können? So schien es mir zunächst. Mit meiner ersten Frage, die ich an Eli richtete, habe ich mich natürlich zum Affen gemacht, ich habe gefragt: „Eli, wie kann ich am schnellsten aufhören zu rauchen?“ Seine erste Antwort war ein schallendes Gelächter: „Wir sind hier, um Erleuchtung zu finden, und du kümmerst dich um das Rauchen!“ Was muss er für einen Eindruck von mir gehabt haben! Ich hatte ja verschwiegen, dass ich das Rauchen als eins der letzten Hindernisse zur Erleuchtung angesehen hatte und deswegen damit aufhören wollte. Dann gab Eli auch noch eine spirituelle Antwort: „Du bist reines Bewusstsein. Als Bewusstsein kannst du Bewusstsein verändern, das Rauchen kann so unwichtig werden, dass es aufhört.“ Nicht-Tun, das wurde klar, ist der Weg. Alles, was ich vorher gelernt hatte, zielte immer auch darauf ab, etwas zu erreichen. Mehr Offenheit, Blockaden auflösen, frei atmen können, offene Themen aus der Vergangenheit beenden. Bei jeder Veränderungsarbeit schwang die Frage mit: Was willst du erreichen? Und jetzt: Halte an, tue nichts, sei still. So wurde mir das Rauchen zum Koan: Besteht das Nicht-Tun darin, dass ich aufhöre zu rauchen, weil das Rauchen ja das Tun der Ablenkung ist, das Tun der Betäubung? Oder ist das Aufhören zu rauchen, vielleicht mit einem speziellen Programm, das Tun? Wen der Ausgang dieses Rennens interessiert: Ich fand zuerst Erleuchtung, und dann, kurze Zeit später, fiel das Rauchen von mir ab.
»Nicht-Tun, das wurde klar, ist der Weg. Alles, was ich vorher gelernt hatte, zielte immer auch darauf ab, etwas zu erreichen.«
Das Tiefer-Sinken als Prozess der Erleuchtung
Sechs Wochen später fuhr ich, in einem wunderschönen Frühsommer 1998 zu Eli nach Italien an den Lago Maggiore.
Am vorletzten Tag in Italien ließ Eli uns zum ersten Mal die Bewusstheitsübung machen. „Wessen bist du dir jetzt bewusst? … (Antwort und Wiederholung der Antwort, dann weiter:) … Und du kannst dir zum Beispiel auch deines Atems bewusst sein … Und das kann dir helfen, tiefer zu fallen.“ Eine Übung zu zweit, in der diese drei Sätze immer wiederkehren. Ich kannte verschiedene Formen von Meditation, jahrelang Yoga, den Kampf um die Transformation als Ende des Egos, das Ende des Ichs – und jetzt erfuhr ich zum ersten Mal die Aufforderung, mich in die eigene Tiefe fallen zu lassen. Und während dieser Bewusstheitsübung, die wohl eine halbe Stunde dauerte, begann ein inneres Sinken. Nichts Körperliches, kein Bild, sondern eine Erfahrung des Sinkens, ohne sagen zu können, was denn das sei, das da sinkt; es war ein „Ich sinke“, ohne zu wissen, wer oder was dieses ICH denn ist.
Dann kam der letzte Tag des Retreats. Das Retreat wurde zur Mittagszeit beendet, viele brachen schon auf, und ich setzte mich auf die Terrasse, schaute auf den See hinunter, schloss meine Augen, und wieder begann das innere Sinken. Einfach so. Es ging immer tiefer, der Atem wurde immer sanfter, das Ausatmen immer vollständiger. Von Eli hatte ich nur gehört, eben vor allem auch in der Bewusstheitsübung – dass es um ein Sich-fallen-Lassen geht; ich wusste nichts von der Atemveränderung. Ich dachte, das, was hier mit meinem Atem von alleine geschah, das tiefe Ausatmen, hat große Ähnlichkeit mit dem Feueratmen aus dem Yoga, und so dachte ich weiter: Das hätten die Yogis wohl gewusst, dass dies für den letzten Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung wichtig sei, einzuüben. Womöglich hat dieser Gedanke mir geholfen, diese Atemveränderung einfach geschehen zu lassen. Hinterher habe ich bei eigenen Schülern erlebt, dass Menschen an dieser Stelle oft Angst bekommen, zu ersticken – eine irrationale Angst davor, dass der Körper das Atmen ganz einstellen könnte und man sterben würde. So trifft auf eine sehr konkrete Weise das jahrhundertealte Wort zu, dass Erleuchtung ein inneres Sterben ist. Durch dieses Ereignis, diese Transformation, änderte sich mein Leben radikal. Im Äußeren viel weniger, als man vielleicht denkt. Aber im Inneren. Gelassenheit, Frieden, immer wieder ein Baden in Glückseligkeit, täglich, manchmal mehrmals täglich – das Leben ist so unendlich schön, frei und beglückend …
Was ist Erleuchtung?
Das ist Erleuchtung, dass der Verstand still ist. Das kann man sich ja vorher nicht vorstellen; seit den Kindheitstagen ist der Verstand ohne Unterbrechung tätig. Das ist nicht immer Denken; es ist auch das Schwelgen in oder das Beschäftigtsein mit Bildern, immer aber eine mentale, eine innere Tätigkeit. Erleuchtung bedeutet, dass der Verstand still ist, und zwar dauerhaft. Es findet immer wieder Denken statt: die Planung des Mittagessens, die Wahrnehmung des anderen Menschen. Denken und dann auch Sprechen, gerade das Sprechen als spiritueller Lehrer, geschieht aber von alleine. „Sprache spricht“ – ein Zitat von Heidegger. „Es spricht“. Deswegen ist das Sprechen eines Erleuchteten so ganz anders als das von anderen. Ich kann stundenlang sprechen, ohne ein einziges Mal den Redefluss mit einem Ähm oder Äh zu unterbrechen, kann auch eine ganze Stunde sprechen, ohne ein einziges Mal mit den Augen zu blinzeln. Es spricht, nicht ich spreche. Wenn ich dann, natürlich ist es ein bisschen lustig, am Ende eines zweistündigen Treffens sage: „Mensch, da bin ich aber froh, dass ich heute dabei war, da habe ich aber jetzt einiges Neues gelernt“, dann ist das eigentlich ernst gemeint. Indem ich mir zugehöre, lerne ich Dinge, die ich vorher nicht gewusst habe, neue Zusammenhänge.
Dass der Verstand still ist, dass es keine Sorge, keine Befürchtung und keine Vergleiche mit anderen Situationen gibt, das ist ja schon entspannend und heilsam genug, aber noch gar nicht das Ganze. WEIL der Verstand still ist, können die Unendlichkeit, der Frieden und die reine Glückseligkeit erfahren werden; solange der Verstand tätig ist, bleibt es komplett im Dunkeln. Es ist nicht so, wie Menschen vorher manchmal denken, dass man dann bessere Gefühle und diese häufiger hat, dass man sein Leben durch mehr Gelassenheit bereichert; das alles könnte das Ergebnis philosophisch klügerer Einstellungen sein. Nein, das innere Leben wird auf den Kopf gestellt. Die tieferen Erfahrungen – Stille, Frieden, Glückseligkeit und Liebe – sind keine Gefühle, sondern tiefere Erfahrungen. Gefühle kommen und gehen, sie haben immer einen Anlass; die tieferen Erfahrungen bleiben, sie haben keinen Anlass, sie sind ursacheloses Leben, die wahre Natur, das eigentliche Sein, das wesentliche Dasein.
Meine spirituelle Arbeit fußt im Kern auf der Erkenntnis, die Eli gewonnen hat: Therapeutische Arbeit versucht, den Menschen zu befreien, indem die Gefühle ausgedrückt und ausagiert und dadurch die ganzen Impulse kennengelernt und befreit werden. Meditation bedeutet im Wesentlichen, Gefühle nur zu beobachten und sich dadurch von ihnen zu distanzieren und zu dissoziieren. Beides führt nicht zur eigentlichen Befreiung; beides führt nicht zur Erleuchtung. Die Lösung besteht darin, das Gefühl ganz zu fühlen, ganz zu erfahren und nichts damit zu tun. Wenn auf die Vergangenheit und die ganzen Ursachen und Erklärungen des Gefühls verzichtet wird und die Impulse des Gefühls gar nicht erst berührt werden – beides ist in der Zeit, in der Vergangenheit und in der Zukunft –, dann bleibt nur noch die Gegenwärtigkeit des Gefühls übrig. Wenn man dann in der Haltung der Hingabe mit sich machen lässt, was das Gefühl in einem macht, findet eine tiefe Lösung statt, und danach kann das Hineinsinken in die Leere beginnen und in der Unendlichkeit, im erleuchteten Sein, enden. Fühlen, ohne etwas zu tun, das ist der eigentliche Kern spiritueller Transformation.
LIVE ERLEBEN
Workshop in Hamburg vom 5.-8. November 2026: Dieser Intensiv-Workshop mit Christian Meyer ist eine Einladung zu dem spannendsten Abenteuer in deinem Leben: Die Entwicklung deines inneren, persönlichen und spirituellen Potenzials. Gemeinsam erforschen wir den Weg zur Erleuchtung und die Frage, wie ein dauerhaft erfülltes und authentisches Leben möglich wird. Dabei werden wir konkrete Werkzeuge kennenlernen, mit denen wir innere Blockaden lösen, unser Wahres Selbst entdecken und Schritt für Schritt mehr Bewusstheit, Freiheit und Lebendigkeit in unser Leben bringen können.


